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MICHAEL KROWAS

Wählerauftrag, knapp erfüllt

17/10/2017

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(mik) Als ich am Sonntagmorgen aufgestanden bin, galt mein erster Gedanke meiner demokratischen Bürgerpflicht. Na gut, mein zweiter, der erste galt meiner Kaffeemaschine. Okay, der dritte, weil die Katzen gefüttert werden mussten. Jedenfalls nahm ich mir fest vor, zur Urne zu schreiten – die eine schnöde Plastiktonne ist, wie ich seit dem 11. September weiß. 

Ich trank Kaffee, fütterte diverse Tiere und verrichtete alsdann mein Tagwerk. Ja, ab und zu muss ich Sonntags arbeiten. Und danke, ich brauche kein Mitleid. Um fünf vor sechs war ich zu Hause. Ich stieg aus dem Auto – und da fiel er mir wieder ein, der dritte Gedanke. Ohne zu zögern spurtete ich los; das Wahlbüro lag nur eine Straße weiter. Außer Atem und bangen Herzens betrat ich um 17.59 Uhr den Keller einer Südstädter Schule, darauf gefasst, von streng blickenden Wahlhelfern gemaßregelt zu werden.
Was zu meiner Überraschung folgte, war eine Lehrstunde in Sachen Demokratie: „Lassen Sie sich ruhig Zeit“, sagte eine Dame, die völlig entspannt an einem Tisch lehnte, „darauf kommt's jetzt auch nicht mehr an.“ Ich musterte sie argwöhnisch. Etwas Zynismus hätte ich durchaus verstanden, aber offenbar meinte es die Dame einfach nur nett. Ich murmelte etwas von „bis eben gearbeitet“ und „tut mir so leid“, und ein Herr las meinen Personalausweis, reichte mir – kann man einen Wahlschein freundlich reichen – freundlich meinen Wahlschein und sagte: „Hauptsache, Sie haben es noch geschafft. Wissen Sie, jede Stimme zählt. Außerdem haben Sie noch 50 Sekunden.“

Ein herzliches Dankeschön also hiermit an alle Wahlhelfer in Hannover. Falls die 37 Prozent Nichtwähler dies jetzt lesen: Denken Sie in fünf Jahren ruhig mal an meine Worte.
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Home, sweet home

10/9/2017

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(mik) Ich war vorhin mit meiner Schwester am Maschsee. Das Wetter war fantastisch, und wir haben uns Monate nicht gesehen, weil sie auf Mallorca lebt. Wir spazierten bei strahlendem Sonnenschein das Rudolf-von-Bennigsen-Ufer entlang, und meine Schwester war – was ich sonst nicht von ihr kenne – schlecht gelaunt. Sagen wir so: Auf der gestrigen Missmutigkeitsskala von eins bis zehn hätte sie eine glatte vierundzwanzig bekommen. 

„In Spanien sind noch dreißig Grad, und ich muss hier frieren“, damit ging es los. „Die kommen uns alle entgegen, hat Hannover auf dem Fußweg am Maschsee eine Einbahnstraßenregelung gemacht?“, nölte sie weiter, „zuzutrauen wäre es euch.“ Vor der Waldorfschule meinte sie: „So so, und an Tempo dreißig hält sich bei euch offenbar niemand. Überall stehen diese bescheuerten Elektrotafeln. Dafür haben sie wohl Geld.“ 
Ich sagte nichts. Ich war nur froh, dass sie während des Maschseefestes nicht hier war. Oder letzte Woche, als der Verkehr in der ganzen Stadt komplett zusammenbrach, weil ein Senior an besagter Stelle einen Unfall hatte.

Wir marschierten weiter, und ich hoffte, dass sie den Anbau am Sprengelmuseum unkommentiert lassen würde. Wir beschlossen, im italienischen Restaurant an der Norduferecke einen Kaffee zu trinken – da mussten wir direkt daran vorbei. Der Blick meiner Schwester ruhte einige Zeit auf dem mattschwarzen hannoverschen Feindbild Nummer eins. Schließlich saßen wir oben, und meine Schwester schnappte sich eine der Fleecedecken, die dort auslagen. Ich als Hannoveraner empfinde zwanzig Grad schon als subtropisch und aalte mich betshirtet in der Sonne. Wir tranken Cappuccino (Schwester) und Rotwein (ich), aßen ein Stück Rhabarber-Kirschkuchen (Schwester, „schmeckt nach nichts, ich hätt's wissen müssen“) und rauchten einen Zigarillo (ich, schmeckte wie immer). Dann sagte Schwesterherz: „Aber die Fassade des Anbaus habt ihr wirklich gut hin gekriegt.“ 

Ich zuckte zusammen. Abgesehen davon, dass ich sie nicht gebaut habe, hätte ich nie damit gerechnet, dass sie jemals von jemandem gemocht werden könnte. Meine Schwester setzte noch einen drauf: „Hier ist es eigentlich ganz schön“, sagte sie mit Blick auf den beginnenden Sonnenuntergang am See, „bei dem Ausblick braucht man auch kein Meer.“

Es gibt eben Tage, die ändern ihre Konsistenz – sozusagen. Meine Stimmung stieg nach dieser Lobhudelei merklich, und ich beschloss, bei meinem nächsten Mallorca-Besuch auch dem Mittelmeer eine faire Chance zu geben. 
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Denk ich an Busen in der Nacht ...

19/8/2017

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Denk ich an Busen in der Nacht …


Reden wir über Alice Schwarzer. Nicht über ihr Problem mit dem Fiskus, nicht über ihr offensichtliches Problem mit Zahnarztbesuchen und nicht über ihre lange Karriere als medienwirksames Ventil für Männer, die immer noch nicht begriffen haben, dass Frauen von einem anderen Planeten stammen. Reden wir über Alice Schwarzer als legitime Nachfolgerin der Suffragetten. Die Frauenbewegung des frühen 20. Jahrhunderts bleibt in Erinnerung, weil deren Mitglieder dazu aufgerufen hatten, ihre Korsetts zu verbrennen. Die Schweizer Lehrerinnenzeitung von 1897 hat ein Gedicht gedruckt:


Frau Mode wird der Krieg erklärt
vom weiblichen Geschlechte.
Wie sie sich sperrt, wie sie sich wehrt,
wir bleiben keine Knechte.

So manche Feministin hat ihren BH ausgezogen, so wie einst ihre Urgroßmütter, die Suffragetten, im 19. Jahrhundert das Korsett. Aber öffentlich verbrannt hat ihn keine, noch nicht einmal die frühen, amerikanischen, deren lässiger Kleidungsstil der Ursprung des Klischees war. Die Aktivistinnen des Women’s Lib haben bei ihrem angeblichen „Burning-Bra“ am 7. September 1968 nur Stöckelschuhe und Lockenwickler in einen „Abfalleimer für den Frieden“ geworfen. Den BH erfanden die Reporter dazu. Mea culpa - damals war ich sechs Jahre alt, also nicht schuld. Aber Sex sells, das gilt auch heute noch. 

Vor gut drei Jahren hatten Journalisten wieder die Chance, ihre Zeitungsseiten zu füllen. Der BH wurde 100 Jahre alt. Mary Phelbs Jacob schnippelte 1914 einfach den unteren Teil eines Korsetts ab und ließ sich ihren Scherenschnitt patentieren - reich wurden andere damit. 
Und heute? Heute kann man außer Büstenhaltern in allen erdenklichen Formen, Farben und Materialien auch wieder Korsetts kaufen, ohne als Patriarch, als Sexist oder als Frauenhasser zu gelten. Männer sind beim Kauf derartiger Kleidungsstücke den Frauen oftmals sogar überlegen, wissen die meisten doch noch immer nicht ihre richtige Körbchengröße. Männer können einfach in ein Geschäft gehen und die Verkäuferin um Hilfe bitten. Die findet das im besten Falle rührend und liebevoll und hat auch keinerlei Problem damit, wenn ihr die Männer ungeniert auf den Busen starren und sagen: „Etwas größer als Ihre.“


Auf den Busen starren - dieses Ritual ist zweifellos älter als Korsetts, Suffragetten und Alice Schwarzer. Über die wir ja eigentlich reden wollten. Wäre es, Frau Schwarzer, nicht sinnvoll, um zumindest bei der weiblichen Hälfte der Bevölkerung wieder ein wenig mehr Akzeptanz zu bekommen, wenn Sie eine Initiative ins Leben riefen, wonach die Namensschilder der Verkäuferinnen an einer anderen Stelle angebracht werden könnten als ausgerechnet an der Oberweite? Oder würde das uns Männern die Einschätzung der heimischen Brust unangemessen erschweren? Kleiner Tipp: Wenn Sie heute losgehen, um ihrer Liebsten (und sich) eine Freude zu machen: Mit 75 C machen sie - zumindest laut Statistik - selten etwas verkehrt. 
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Luftdruck

3/8/2017

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(mik) Während ich tagsüber damit beschäftigt bin, die Miami-artige Luftfeuchtigkeit zu überleben, muss am Wochenende in Hannover für kurze Zeit ein ungewöhnlich niedriger Luftdruck geherrscht haben. Nun bin ich weder Chemiker noch Wetterspezialist, aber ich habe mir eine eigene Erklärung zusammengebastelt. Es begab sich am Sonnabend – wohlgemerkt, am Sonnabend vor einer Woche, in einem Supermarkt. Mich beschlich ein plötzliches Verlangen nach Tomatensaft. Ich malte mir vor meinem geistigen Auge voller Wonne aus, wie ich ihn eiskalt in ein Glas gieße, mit Salz, Pfeffer und Tabasco würze, umrühre und dann – ich konnte es kaum erwarten, zu Hause selbiges zu tun.
Zugegeben, das erste halbe Glas schmeckte hervorragend. Dann aber gab ich den Tag, den Abend, das Wochenende und die Woche über wieder meinem geliebten Kaffee den Vorzug. 
Man sagt, im Flugzeug schmecke das Tomatenzeug vielen Reisenden besser als am Boden, wo der Geschmack eher als muffig empfunden wird. Es gibt eine einleuchtende chemische Erklärung: In einem Flugzeug ist der Luftdruck niedriger als am Boden, dadurch kommen kräftige Getränke bei den Geschmacksnerven sozusagen gut an. Der Geschmack von Kaffee hingegen wird oft als bitter empfunden.
Wir sind hier ungefähr 55 Meter über normal Null, wie ich seit Grundschulzeiten weiß. Vielleicht sollte ich bei meiner nächsten Wanderung im Deister eine Thermoskanne mit Tomatensaft füllen. Aber auch das Wandern im Deister hat bei mir einen eher muffigen Geschmack, also, bevor das Haltbarkeitsdatum abläuft: Wenn jemand im Bredero-Hochhaus oder im Ihmezentrum eine fast volle Flasche Tomatensaft braucht ...  
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Naja Naja

7/7/2017

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(lil) Ich war die Königin der Lüfte. Die turnusmäßige Augenuntersuchung durch meinen Betriebsarzt gemäß Paragraf 6, Anhang, Teil 4, Ziffer 2 der Bildschirmarbeitsverordnung endete jedes mal nach maximal 2 Minuten mit der ärztlichen Erkenntnis: „Junge Frau, Sie haben Augen wie ein Adler“. Bei der letzten Untersuchung setzte ich mich lässig auf den Stuhl und fixierte die Tafel an der Wand – die sie offenbar heimlich nach hinten versetzt hatten, und zwar ein ganzes Stück. Schweißgebadet versuchte ich zu erraten, um welche Art von Zeichen es sich auf der Tafel überhaupt handelt. Alpha? Numerisch? Alphanumerisch womöglich? Der Betriebsarzt musterte mich eindringlich. Glaube ich zumindest; so richtig scharf konnte ich seine Augen nicht sehen. „Nun“, sagte er, „versuchen Sie es zunächst mit der Zeile ganz oben“. Was er wohl meinte, war „die Zeile mit den unglaublich riesigen Buchstaben.“

Ich wartete auf das vertraute „Junge Frau“. Er blieb still und ich verließ betreten schweigend das Betriebsarztzimmer – das Rezept für die Lesebrille stopfte ich schnell und unauffällig in meine Handtasche. Auch Augen wissen also, dass man fünfzig geworden ist. Schön ist diese Erkenntnis nicht. Denn: Hey, egal, Fünzig ist doch das neue Vierzig! Wie alt die Eltern damals waren, haha, aber wir, Jungejunge, was sind wir junggeblieben!

Vor einem halben Jahr war Abitreffen. Dreißigjähriges, aber egal, Jungejunge, was sind wir junggeblieben. Alte Abizeitungen und allerlei Fotos wurden herumgereicht, und da war noch etwas, bei fast jedem: Der Griff in die Brusttasche. Richtig. Die Brille. Damals, in der Schule, waren die Brillenträger häufig dem Gespött der anderen ausgesetzt. „Brillenschlange“ war noch der harmloseste Ausdruck, womit nicht die Bezeichnung für die südasiatische Kobra aus der Gattung der Elapidae gemeint ist. Deren lateinischer Name „Naja Naja“ lautet. Kein Scherz.

Ein Scherz hingegen ist die Tastatur meines stylishen Telefons. Ich habe es mittlerweile aufgegeben, meinen abendlichen Whatsappen entschuldigend hinzuzufügen, dass ich nicht betrunken bin. Ich schreibe weiterhin eiskalt „gallp“ – das „hallo“ der Midlife-Menschen. Niemand stellt irgendwelche Fragen. Vielmehr entwickeln sich von Zauberhand virtuelle Selbsthilfegruppen. Als neulich meine Flurlampe kaputt war, kaufte ich eine neue Birne. Beim Hineinschrauben sah ich innen in der Lampenfassung eine Schrift mit Wattangabe. Eine sehr kleine Schrift. Sehr, sehr klein. „Genau heute hatte ich dasselbe Problem. Versuch es mit einer Lupe“, schrieb Susanne in die Whatsapp-Gruppe, in die ich verzweifelt ein Foto meines neuen Leuchtmittels gepostet hatte. Nachdem ich auch bei etlichen Foto-Großzieh-Versuchen nicht erkennen konnte, ob die Funzel nun fünzig oder dreißig oder dreißigtausend Watt hat.

Am Überweisungsautomaten der Bank habe ich am Ersten des Monats eine Schlange schnappatmender Senioren hinter mir erzeugt. Selbst mit meiner neuen Brille konnte ich die Bankdaten meines Zahlungsempfängers kaum entziffern. Natürlich habe ich es – und das wiederum vereint mich mit Marilyn Monroe – vorher minutenlang mit meiner biologischen, gottgegebenen Sehkraft versucht. Die Brille und ich – wir müssen noch ein wenig daran arbeiten, Freunde zu werden. Aber wir sind auf einem guten Weg. Und warum ich mit Senioren an Überweisungsautomaten stehe, verrate ich demnächst.

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Was wollt ich sagen ...

3/7/2017

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(mik) "Null eins geboren", das war die Antwort meiner Oma auf die Frage nach ihrem Alter. Ich kleiner Pöks habe das immer ein wenig belächelt. Wie kann man vergessen, wie alt man ist? 

Heute sehe ich das allerdings etwas differenzierter. Ich bin manchmal total überfordert mit den einfachsten Dingen. Für den Supermarkteinkauf schreibe ich mir regelmäßig einen Zettel. Blöd ist nur, wenn ich den – was die Regel ist – zu Hause liegen lasse. Es gibt in Hannover eine Kurve, durch die ich täglich fahre, und in genau der versagt der Blinker meines Autos den Dienst: Er springt nicht zurück, was mir schon so manchen hämischen Blick anderer Verkehrsteilnehmer eingebracht hat. Ich bin selbstverständlich der beste Autofahrer der Welt, aber wenn ich, weil ich das mit dem Fahrtrichtungsanzeiger vergessen habe, hunderte von Metern fröhlich blinkend geradeaus fahre, sieht das der Rest der Welt naturgemäß etwas anders. 

Andererseits sind manche Daten unauslöschlich in mein Langzeitgedächtnis gebrannt. Der 26. Juni 1974 zum Beispiel. Ich war elf und durfte mit meinem Vater im Niedersachsenstadion – die Älteren werden sich erinnern – ein Fußballspiel besuchen. Brasilien spielte gegen die DDR. Ich habe das Siegtor der Gelben noch heute vor Augen: Bei einem Freistoß ließ sich ein Brasilianer in der Mauer der DDR – man entschuldige die Formulierung – fallen und wumms, der Rest war copacabanischer Jubel. 

1974 – das ist vierzig Jahre her. Kein einziges Spiel der Weltmeisterschaften danach ist mir so in Erínnerung geblieben wie dieses, einschließlich denen der vergangenen Wochen. Was vielleicht auch daran liegen mag, dass ich nach dem Spiel von meinem Vater eine Bratwurst spendiert bekam – die erste meines Lebens. Und das bringt mich wiederum dazu, mich daran zu erinnern, was ich gestern vergessen habe für die Grillparty einzukaufen.
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Koschere Kanadier

2/7/2017

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(mik) Ich nehme zuweilen in einem Restaurant unweit meiner Haustür ein Bier zu mir. Gut und schnell gezapft läutet das sozusagen meinen Feierabend ein. Das Restaurant ist seit Generationen in Familienbesitz, Mutter und Tochter duzen ihre Stammgäste, tragen das Herz am rechten Fleck und auf der Zunge, wissen, was jeder am liebsten mag, kurz: Ein Stückchen Tradition in der Südstadt. 

Neulich konnte ich ein Gespräch mitverfolgen. Die Mutter kam einigermaßen konsterniert an den Tisch, an dem sich ihre Tochter gerade im Gespräch mit drei Stammgästen befand. „Haben wir koscheres Essen?“, fragte sie. Es ging um eine Gruppe von 15 Kanadiern, die sich in einer Dreiviertelstunde angekündigt hatten und denen der Sinn nach rituell unbedenklichen Speisen stand. Die Mutter hatte die Buchung vollmundig angenommen, obwohl die Speisekarte des Restaurants durchaus Zweifel an der Eignung für orthodoxe Juden zulässt. Sagen wir so: Man könnte als Vorspeise einige Schnitzelvariationen bekommen, zum Hauptgang gäbe es dann Schnitzel und als Nachtisch vielleicht noch diese oder jene Schnitzelleckerei.

Die Tochter googelte eilig „koscher“ und bescherte den drei Stammgästen, ihrer Mutter und mir einige lehrreiche Minuten, in denen unter anderem von Paarhufern und der Trennung von milchig und fleischig die Rede war. Ich starrte auf meinen Teller, auf dem sich ein Holsteiner Schnitzel mehr als „treife“ präsentierte und hoffte, dass die Besucher aus Kanada nicht enttäuscht werden würden. 

Gestern nun bestellte ich mir wieder mein obligatorisches Bier und hörte mir wieder Geschichten an. Unter anderem die von den 15 jüdischen Kanadiern, die so begeistert von gefüllten Champignons, Salat ohne Dressing und Matjes waren, dass sie drei Tage später wiedergekommen sind. Die kulinarische Völkerverständigung funktioniert also – zumindest in der Südstadt. 
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Das Grauen mit den Brauen

9/6/2017

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(mik) Gestern traf ich in der Stadt eine alte Freundin. Also, nicht alt im Sinne von alt, sondern im Sinne von „Wir-kennen-uns-schon-lange“. Sie war mit ihrer Tochter auf ausgedehnter Shoppingtour und wirkte erschöpft. Sie meinte, sie habe Lust auf einen Kaffee. Ich habe immer und überall Lust auf einen Kaffee, also ließen wir uns in einem dieser schicken Straßencafés nieder, um über alte Zeiten zu reden.

Lisa-Marie, die Tochter, saß auf dem schicken Stuhl neben mir. Sie ist Anfang zwanzig und das, was man früher „bildschön“ nannte. Heute heißt es wahrscheinlich „hip“, obwohl der Ausdruck wahrscheinlich auch schon verständnisloses Stirnrunzeln bei den jungen Leuten hervorrufen würde. Lisa-Maries langes, seidiges Haar wehte im Wind, ihre noch längeren, seidigen Wimpern desgleichen. Ihre Tattoos wehten nicht und zu der Jeans hätten wir früher gesagt: „Da ist das Beste von“. Sie hat bestimmt ein Vermögen gekostet.

Lisa-Marie war desinteressiert, an ihrer Mutter, an mir und an der Welt. Sie hielt ihr Handy in der Hand, ihre beiden Daumen flogen über die Tastatur. Während ich mit meinem kreisenden Zeigefinger nach dem richtigen Buchstaben suche, hat Lisa-Marie wohl schon eine fehlerfreie mehrseitige Abhandlung geschrieben. Sie bemühte sich nach Kräften, so weit entfernt wie möglich von dem alten Sack zu sitzen, der gerade ihre Mutter vollquatschte. Kein leichtes Unterfangen; der Tisch war nicht nur schick, sondern auch winzig, passend zum Kaffee, der hier natürlich nicht Kaffee hieß. Ich bestellte einen Iced Caffè Mocha, meine Freundin einen Flat White. Lisa-Marie bestellte huldvoll einen Java Chip Light Frappuccino blended beverage. 

Um es kurz zu machen: Aus dem Gespräch über alte Zeiten wurde nichts. Ich war zu abgelenkt von Lisa-Maries Augenbrauen. Seit einigen Jahren verfolge ich den Brauentrend mit einer gewissen Sorge; viele der Frauen, die diese – nennen wir es Mode – mitmachen, gleichen doch eher Nofretete als Brooke Shields – die übrigens die erste war, die ihre Augen durch ihre Malkunst betonen wollte. Lisa-Maries gestrige Brauen waren zwar aufgemalt, wollten aber buschig wirken. Immerhin waren sie fast gerade und fast an der richtigen Stelle – was Daniela Nofretete Katzenberger ja lange Zeit erfolgreich vermieden hat. Die Grauenbrauen tendierten farblich ins Lila – kein schöner Anblick, wenn man mich fragt. Aber man fragt mich ja nicht – wie so oft.
Frauenzeitschriften wie die Brigitte ahnen allerdings wie immer schon den nächsten Trend – offenbart naht das schreiberische Sommerloch im Sauseschritt. So genannte „Brow Bars“ eröffnen im Minutentakt und lösen damit wohl die Nagelstudios als Anlaufstelle ab. Die neuen Brauen – so die Brigitte – seien nicht mehr glatt gemalt, sondern wüchsen in ihrer ganzen Pracht so, wie Gott sie bei Theo Waigel erdacht hat. Völlig neue Geschäftsbereiche eröffnen sich vor meinem geistigen Auge. Brauenimplantierungsinstitute etwa oder Brauenverlängerungssalons. 

„Hm?“ fragte ich. Lisa-Maries Mutter hatte gerade etwas erzählt, was komplett an mir vorbei gegangen war. Ich musste, während sie sprach, mehrfach an meine Großeltern denken, die es sich mit uns Kindern unwiderruflich verscherzt hatten, wenn sie, was öfter vorkam, uns durch die Haare strubbelten, ein Taschentuch herausholten und mehr oder weniger dezent hineinspuckten. Ihr Satz „Du hast da was“ kam zeitgleich mit irgendwelchen vagen Wischbewegungen, vorzugsweise an unserer Wange. Mein Gott, oder, wie Lisa-Marie vielleicht sagen würde, OMG, war das jedesmal eklig. Jedesmal. 

„Hm?“; ich hatte schon wieder eine Frage verpasst. Ich hatte genug damit zu tun, den Reflex zu unterdrücken, an Töchterleins Augenbrauen herum zu rubbeln. Gottlob pflege ich eher selten ein Taschentuch dabei zu haben. Und aus Lisa-Maries wunderschönen Augen schossen ohnehin schon kleine blasierte Langeweileblitze. „Wir müssen jetzt los“, sagte meine alte Freundin etwas enttäuscht, und Lisa-Marie erhob sich erleichtert, um mir huldvoll die Hand zu reichen. Ich reichte huldvoll zurück und erwog kurzfristig, Lisa-Marie einige Brauentipps zu geben. Denn meine recht stattlichen Exemplare befinden sich schon in meinem Gesicht, wenn ich morgens aufwache. Und zwar da, wo sie immer sind. Unwiderruflich. Ich habe auch dieser Regung widerstanden und musste mir selbst kleinlaut eingestehen, dass ich wohl zu alt für manche Moden bin. ​
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Birgit kümmt aus Bayern

30/5/2017

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(mik) Ich kam neulich in der Stadt mit einigen Leuten ins Gespräch. Birgit, so stellte sich unüberhörbar heraus, ist in München aufgewachsen. Da sie in der Gegend um Hannover für eine bayrische Automobilfirma tätig ist, ist sie vor drei Jahren hier her gezogen. Was ihr an meiner Lieblingsstadt besonders gefiele, fragte ich sie, und sie antwortete: "Das perfekte Hochdeutsch." 

Ich wand daraufhin ein, dass die Ur-Hannoveraner einen gewissen Hang zu Buchstabenkombinationen mit "aö" haben. Birgit bedachte mich mit einem verständnislosen Blick. "In Linden gehen wir auffe Limma", fuhr ich fort, "oder anne Limma, oder nache Limma hin, um aan paör Pils aanzukaufen." Es klang wohl ziemlich unglaubwürdig, denn Birgit sagte mit aanem schnaadenden Unterton: "I wohn zwoar in der List, oba Linden wuit i mir scho lang amoi oschaun."

Möglicherweise wird sie bei einem Besuch der Limmerstraße mit den lingualen Eigenarten der hiesigen Eingeborenen konfrontiert. Ihre Vorstellung von perfektem Hochdeutsch könnte ins Wanken geraten. Denn offenbar findet "hannöversch" nur noch in bestimmten Stadtteilen statt. Schaöde aögentlich.
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Raps in the city

27/5/2017

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(lil) Neulich habe ich mit einer Frage auf Facebook Verwirrung gestiftet. Sie lautete „Was bitte wächst da auf dem Acker?“ Ich postete ein Foto, und meine Community teilte sich in die Fraktionen: „Oh, sie ist doch doofer, als ich dachte“, „Sie ist altersverwirrt“, „Es wird eine Falle sein, ich kommentiere das besser nicht“ und die üblichen „Mir-doch-egal“-Jünger. Und das kam so:
Seit einem geraumen Jahr jogge ich regelmäßig durch nahegelegene Wiesen, Felder und Wälder – mit einer naturbewanderten Freundin und deren Hund. Dessen Lebensinhalt eigentlich Sofa, Schlaf und kalorienhaltige Nahrung sind. Er findet Bewegung sinnfrei. Was sich darin äußert, dass er regelmäßig mit seinem „ich hasse euch“-Gesicht am Lauftreff ankommt.
Als die Freundin jüngst fußbedingt mehrere Wochen ausfiel, habe ich tapfer die Runden allein fortgesetzt und mich umso mehr auf die Natur konzentriert. Ich hatte gerade eine wunderschöne gelbe Blumenwiese hinter mir gelassen und kam ins Grübeln. Ich sagte mir, dass ich auf dem Rückweg nochmal genauer gucken müsse. Ich musste herausfinden, was das für Blumen sind und warum sie dort angebaut waren.
Ich erinnerte mich an ein Tulpenfeld in der Region, auf dem man – gegen einen Beitrag in die aufgestellte Kasse – nach Herzenslust Tulpen schneiden durfte. Beim näheren Betrachten auf dem Rückweg waren die Blumen auf dem Feld aber irgendwie keine richtigen Blumen. Raps? Nein, der – so erinnerte ich mich an irgendwelche spätsommerlichen Überlandtouren – wächst ja in der zweiten Jahreshälfte. Die Stiele und Blätter waren sehr kräftig. Kartoffeln? Pastinaken? Verschämt zog ich heimlich kräftig an einem gelben Strempel – ohne Erfolg. Also entschloss ich mich, das Feld zu fotografieren und – Facebook ist ja so nützlich – diese Frage in den Freundeskreis zu werfen; googeln war mir viel zu anstrengend. Und Raps, davon war ich felsenfest überzeugt, konnte es auf keinen Fall sein. Das wäre ja zu einfach.
An Einfachheit bin ich übrigens früher in Mathe regelmäßig gescheitert. 20+30 = ? Niemals hätte ich 50 als Lösung geschrieben – ich vermutete immer eine Falle hinter solchen Aufgaben. Was mir zumindest einen sehr attraktiven Mathenachhilfelehrer beschert hat. Außerdem habe ich große Freude an dem Gedanken, Geheimnisse aufzudecken. Man würde mich feiern, mich beneiden, dass diese mysteriösen Feldfrüchte ausgerechnet direkt vor meiner Haustür stehen, mitten in der Stadt! Bewundernd würde man in großen Gartenzeitschriften über mich als Entdeckerin der – nun ja – Lillypflanze lobhudeln.
Die fassungslosen Kommentare zu meinem Facebook-Post belehrten mich, Jahrzehnte nach erfolgreichem Abschluss der Schule, eines besseren. Raps, sagten sie einhellig, es ist Raps. Lilly! Rahahaps! Ich bin ein wenig enttäuscht, dass sich meine Profanitätstheorie immer noch nicht durchsetzen will. Aber ich gebe nicht auf.
Meine Laufbegleitung ist inzwischen genesen. Bei unserer letzten Runde hielt sie mir mit strengem Blick einen weißen Puschel vor die Nase. "Was ist das?" fragte sie. „Pusteblume“ rief ich strahlend. „Löwenzahn“ seufzte sie augenrollend. Die Botanikerin in mir lief kleinlaut weiter. Der Hund legte sich grinsend ins Rapsfeld.
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    ​Lilly (lil): 
    ​​​50 bisschenplus, nachtaktive PR-Frau, neugierig und manchmal altersmilde und -hysterisch..

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    ​Krowie (mik): 
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    50 ganzschönplus, Journalist, Teilzeitmusiker, Glatz- und Gnatzkopp. 

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