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MICHAEL KROWAS

Rot, Bunt, Stereo

6/9/2018

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DePhazz bringen das Musikzentrum zum Kochen
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Ach, da rechts ist ein Tresen? Sieh an. Da links geht noch 'ne Treppe hoch? Wunder über Wunder - normalerweise ist es im Musikzentrum so rappelvoll, dass man froh ist, wenn man irgendwo steht und einen einigermaßenen Blick auf die Bühne hat. Nicht am Donnerstag, als sich die Heidelberger Kult-Combo DePhazz in der Nordstadt die Ehre gab. Es war überschaubar voll; blöd für die Veranstalter, toll für die mittanzenden Besucher, der Band war's egal: Sie haben abgeliefert, und zwar vom Feinsten.
DePhazz heißen schon lange nicht mehr De-Phazz. Der Name bedeutete ursprünglich "Destination future Jazz". Das Ziel, Jazzmusik der Zukunft zu machen, haben die Herren und Damen um Bandgründer Pit Baumgartner Ende der 90er erreicht. Unvergessen in den Köpfen all jener, die damals in coolen Clubs mit einem Martini in der Hand lässig an der Wand lehnten, und die auf die Frage nach ihrem Musikgeschmack geantwortet hätten: Hauptsache kein Mainstream. Wenn dann Songs von DePhazz oder Moloko oder Jamiroquai liefen, hätten sie sich eher das linke Bein abgebissen, als den DJ zu fragen, wer da gerade unglaublich tanzbar am Mainstream vorbeimusiziert.  Kool & the Gang oder Imagination ging gar nicht, Perfektionisten wie Earth, Wind & Fire waren verpönt, DePhazz galten immer als ein wenig schlauer, ein wenig intellektueller als die anderen. Und man konnte zu Hause bei der Angebeteten punkten, wenn die Slow-Jazz-Rhythmen mit den verrückten Details aus den Bose-Boxen quollen. Bei DePhazz stand schon damals ein Turntable-Artist mit auf der Bühne - Future eben.
Der Sound ist knackig, satt; es grooved, jazzed und hiphopped, dass es eine Freude ist. Es sind viel mehr Instrumente zu hören, als Musiker auf der Bühne stehen - preiset den Gott der Samples. Das Musikzentrum wird zur Lounge, als Sängerin Pat Appleton im roten Abendkleid auf die Bühne schlendert. Sie sorgt bei den ersten Stücken für eine entspannte Baratmosphäre - sie ist auch nach 20 Jahren in der Band ungeheuer sicher in den hohen Stimmlagen. Mal klingt sie wie eine piepsige Micky-Maus, mal wie eine rauchige, verruchte Souldiva - die Scat-Soli mit Saxofonist Marcus Bartelt sind wohldurchdacht, perfekt - und wirken trotzdem federleicht. 
Während Baumgartner hinter seinen Plattentellern für die unterschiedlichsten Effekte sorgt, geht vorne die Post ab. Drummer Olli Rubow spielt solide und verschwindet fast hinter seinen Kopfhörern, Ulf Kleiner hat sein Fender-Rhodes im Griff, Bernd Windischs Bass wabert irgendwo unten unauffällig herum - und das Ganze wird erstaunlicherweise zu einer höchst homogenen Einheit. Als Appleton die ersten Töne von "Mambo Craze" anstimmt, ihrem Hit von 1999, tanzen die ersten Reihen mit, vorsichtig zunächst, dann ausgelassen - ungewohnter Anblick im ansonsten eher rocklastigen Musikzentrum.
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Und dann wird es funky: Strahlemann Karl Frierson is in da houz. Der Ausnahmesänger tobt wie ein Derwisch auf der Bühne herum, schmeichelt mal hier einer Dame im Publikum, schmachtet mal da ein Pärchen an - er weiß um seine Wirkung als Womanizer. Er singt "Jazz Music", einen der alten Hits, und dann einige Stücke vom neuen Album "Black, white, mono", die sich nahtlos auf die Kette mit den entspannten Soundperlen von damals auffädeln lassen. "Love Vampire" hat das Zeug zum Clubhit, Frierson wirkt wie Mark Medlock in gut, und mehr als einmal denkt man an: Maze, featuriiiiiiing Frankiiiiiieeee Beverly!!!! Frierson hat alles, was es braucht: Überragende Bühnenpräsenz, Croonerqualitäten, Musikalität - der ewig gut gelaunte Mann mit dem Hut singt in einer eigenen Liga.
Fazit: DePhazz haben auch nach mehr als 20 Jahren nichts von ihrer Faszination verloren. Diesen Cocktail aus tanzbaren Soulnummern mit überraschenden, coolen Einsprengseln mixt man auch heute noch am besten in Heidelberg. Tolles, entspanntes Konzert einer intelligent gereiften Band, die ganz genau weiß, was sie will.
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​11. Mai 2018
Erschienen auf Phazz-a-Delic (Alive)
ASIN: B07BFBT37Q
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Schulterpolster, Dresscode und Grashüpfer

18/8/2018

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Ed Motta: Der brasilianische Sänger zelebriert auf seinem neuen Album vergangene Dekaden. Also alles wie immer. Nur besser.
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Es ist was faul im Staate Dänemark. Sagt Ed Motta. In "The Required Dress Code" ist es eine dahin geworfene Assoziation auf einer Party im Foyer eines Hotels. Um das Hamlet-Zitat rankt sich ein kleines, feines Fusionstückchen. Ed Motta zeigt auf "Criterion of the senses" wieder eindrucksvoll, was er kann. Oberschülerjazz der achtziger Jahre mit entspannten, höchst tanzbaren modernen Easy-Listening-Harmonien zu kombinieren - das Konzept geht auf.

Auf seinem 18. Album hat sich die Crème de la crème der brasilianischen Studiomusiker versammelt. Das ist kaum nachzuprüfen; man glaubt es einfach mal. Aber hören kann man es. An der Spielfreude, der Leichtigkeit, dem immer etwas augenzwinkernden Rumgedaddel, das nur die Top-Leute draufhaben - die können es auch da unten, die Jazzer. Obwohl sich Motta ja bei seinen Auftritten in Europa regelmäßig wundert, dass man von "da unten" spricht, wenn man Brasilien meint. Er, der Weltenbummler, sieht das naturgemäß genau anders herum. Für ihn ist Deutschland ganz unten. Und das ist ausnahmsweise nicht gesellschaftskritisch gemeint - wenn Motta eins nicht ist, dann politisch.

Acht Lieder sind auf "Alles eine Frage des Gefühls" - frei übersetzt - zu entdecken, immerhin eins mehr als auf dem Album, das für Motta und Konsorten zum Maß aller Dinge geworden ist, "Gaucho" von Steely Dan. Nach mehrmaligem Hören lässt man sich ein auf die kleinen Geschichten, die Mr. Motta zu erzählen hat. Man kuschelt sich in seine Stimme wie in ein flauschiges Federbett. Man bedauert ihn beim ersten Stück, als er auf der Reise nach Prag am Flughafen sein Gepäck verliert. Man wiegt sich bei einer Caipirinha zu "Sweetest Berry". Funk und Barjazz vom Feinsten, das Wurlitzer wabert, die Orgel tremolot fröhlich vor sich hin, und Motta, den man ja immer hinter dem Klavier vermutet, spielt hübsche Singlenotes auf der Gitarre. Man kichert bei "Novice Never Noticed" über komische Vocodertöne vom Hohner Clavinet (dass es das noch gibt...), während George Duke grinsend hinter dem Marshall-Amp hervorlugt, man freut sich bei "The Tiki's Broken There" über die glockenklare Stimme von Cidalia Castro und die fadoähnlichen Töne der Bassklarinette - Motta hat es schon immer verstanden, aktuelle Sounds und Old-School-Klänge miteinander zu vergnubbeln.

​Mottas Texte sind kleine, lyrische Kabinettstückchen Die schönste Idee hat er beim letzten Stück, "Shoulder Pads". Er singt mit reduzierter Rhetorik darüber, dass er die 80er Jahre vermisst. Seine Schulterpolster, die Reinigungsflüssigkeit für die Tonköpfe seines Videorecorders, seinen Walkman. Ihm genügen drei Zeilen Text, um Bilder im Kopf herbei zu rufen. Tolle, stampfende Rhythmik, Motta multiinstrumentalisiert sich die Seele aus dem Leib. Man erinnert sich an Manfred Mann's "Lies Through The 80s" - nur blöderweise klingt die Nummer trotzdem eher wie ein Fragment. Funktioniert trotzdem - man schaltet den CD-Player mit guter Laune aus, aber, mal ehrlich, Mr. Motta, da wäre mehr drin gewesen. 

Diesmal wirkt es gar nicht so, als ob er ständig die großen Kollegen zitiert - Al Jarreau, Donald Fagen, Bobby McFerrin - Motta klingt authentischer als je zuvor. Tolles, zeitloses Album des Ausnahmesängers. Übrigens: Auch die Artwork ist großes Kino: Auf dem Cover von Edna Lopez wimmelt es nur so vor Grashüpfern.

Ab Oktober ist Ed Motta auf Tour: Allein zwanzig Konzerte spielt er in Deutschland. Am 3. November stellt er im Jazz-Club am Lindener Berg das neue Album vor. Hingehen, zuhören, staunen, lächeln.

Ed Motta: Criterion of the senses
Erscheinungsdatum: 20. September 2018
Auf ​Membran media (must have)

Hier sind zwei Konzertberichte über Eduardo Motta: Jazz-Club und Movimentos



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Ziemlich beste Freundinnen

7/8/2018

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Wenn der Igel fliegt: Vanessa Maurischat und Annie Heger
lassen auf ihrer Live-CD den Flachs blühen
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Es ist schwierig, eine kompetente Aussage zu erhalten, wenn man, sagen wir mal, den Käsefritzen aus der Markthalle nach seinem Lieblingsnahrungsmittel fragt. Oder wenn man von Martin Kind wissen will, wie sein bevorzugter Sportverein heißt. In diesem, meinem Fall ist es noch schwieriger. Ich bin ein Fan der ersten Stunde. Von Vanessa Maurischat. Auch ihre Partnerin, ihr Alter Ego Annie Heger, reißt mich regelmäßig zu Begeisterungsstürmen hin. Natürlich sind die beiden multitalentierten Kabarettistinnen nicht perfekt. Sie sind zu schön, zu nett, zu schlau, zu humorvoll ... 

Trotz meiner Voreingenommenheit betrachte ich die Aufgabe, mich zu dieser ihrer ersten gemeinsamen CD zu äußern, als Ehre. Und als Herausforderung. Tun wir einfach so, als kenne ich die Beiden nicht ... welche war noch mal die mit den kurzen Haaren?
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Sie darf in keinem Hotel der Arcor-Gruppe mehr übernachten, weil sie die Minibar immer mit Wasser auffüllt. Annie Heger, Entertainerin, Sängerin, Moderatorin - hätte man ihr derartige Strafhandlungen zugetraut? Fluchen kann sie wie eine Große - ihre Partnerin in crime, Vanessa Maurischat, ist Einsatzgeberin mit "heute Abend wollen wir hommagieren", Heger vollendet mit "Fromage am Arsch" - gleich bei der ersten Moderation wird deutlich, um was es geht an diesem Abend in einer für die Künstlerinnen vertrauten Umgebung am 9. März in der Oldenburger Kulturetage: Zwei Zicken lassen ihre Gäste bei der Live-Aufzeichnung ihres Auftritts teilhaben an den kleinen und größeren täglichen Katastrophen des Lebens. Darauf einen Ramazotti. Oder zwei. "Heißt es Ramazotten?" fragt sich Heger und holt sich dafür die obligatorischen Kicherer aus dem Publikum ab. Bislang sind es wohl eher Ramazoten. Kommt da noch mehr? Oh ja, und zwar viel mehr.
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Es ist alles eine Frage der Definition: Ist man der Topf oder der Deckel, ist man Einzelkind oder Alleinerbin. In ihren Moderationen unterhalten sich die beiden Damen über Gott und die Welt, häufig über Ostfriesland (weil Heger, wie ihr Publikum sehr genau weiß, aus diesem Teil des Landes stammt). Sie geben sich gegenseitig Vorlagen, zählen sich an, denken laut und schwadronieren fröhlich vor sich hin. "Man muss kein Schnitzel sein, um zu wissen, wie es sich anfühlt, in die Pfanne gehauen zu werden."

Sie spielen ihr Programm "Eine geht noch" seit Jahren, bundesweit, in kleinen oder größeren Clubs. Und den federleichten Moderationen, mit denen sie die Lücken zwischen den Liedern füllen, merkt man die Arbeit im Vorfeld nicht mehr an. Sie wirken wie eine einzige homogene Person - als Duo muss man sich zu hundert Prozent auf den Partner verlassen können, damit die Einsätze klappen, damit die Pointen zünden, damit der rote Faden funktioniert. Der Faden heißt hier womöglich: Wir erzählen Geschichten, bei denen ihr lachen könnt, und wir singen Lieder, bei denen ihr gefälligst nachdenklich werdet. Das klappt; die Songs in ihrem Programm sind das genaue Gegenteil ihrer Zwischentexte: Lyrisch, melancholisch, bitterböse, überraschend. Beiden Elementen der Show (und der CD) gleichermaßen inne: Die Umsetzung genauer Beobachtung. Ein Erlebnis kann zu einer ulkigen Moderation werden (Schatz, ich möcht' 'nen Hund) oder zu einem poetischen Chanson (Traurig kommt über Nacht). 
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Perfekter Satzgesang zweier klarer Stimmen. Hegers Organ hat Pop-Potenzial; sie setzt ihr Vibrato mit Bedacht ein und hat zu jeder Zeit die totale stimmliche Kontrolle; Maurischats warmer Alt und ihre Phrasierungen ergänzen ihre Kollegin, das Ganze fügt sich in den Duetten häufig zu einer wunderschön anzuhörenden Einheit. Und genauso klar wie die Stimmen ist die Tatsache, dass sich die beiden Diven gern mal gehörig selbst auf die Schippe nehmen. "Bitte Bitte" ist eine Herzschmerzballade vom Feinsten. Es geht um die Liebe. Und darum, wie man sich am Besten seines Partners entledigt. Sie reimen "Strick" auf "Osnabrück". Letzter Satz: "Hauptsache, es reimt sich auf 'Arschloch'". Yeah.
"Bitte bitte, nimm dir einen Strick
in München oder in Osnabrück
du hast die Qual der Wahl
Hanf oder Nylon
​aus Japan oder Ceylon"
Zehn wunderbar lyrische Lieder sind zu hören, und sie zeigen, dass sie gut zugehört haben bei den Kollegen. Auch wenn sie die liebevoll parodieren. In Cocker/Warnes "Up Where We Belong" wird der Eagle zum Igel, und das geneigte Publikum darf bei "You're My Heart, You're My Soul" der Bohlen/Anders-Reunion beiwohnen - die beiden Spaßmacherinnen lassen nichts aus. Manches ist tief unter der Gürtellinie, wie Hegers Farmer aus Ipanema, den Maurischat als Pharmaunternehmer aus Bottrop entlarvt. Aber manches hat soviel Tiefgang, dass man sich wundert, dass sie nicht durch den Oldenburger Bühnenboden gekracht sind. "Mit ein bisschen Glück kriegt es doch noch einen Sinn, warum ich gegangen bin." Das Publikum klatscht im Takt - warum eigentlich? Die Dampfhammerkalauer sind nett anzuhören; für die leisen, melancholischen Zwischentöne muss man sie lieben. 

Fazit: Ungewöhnliches Konzeptalbum zweier ungewöhnlicher Diseusen. Heger und Maurischat haben die intime Live-Atmosphäre der Kulturetage gut eingefangen. Dabei gerät es fast zur Nebensache, dass auch Maurischats Klavierspiel ungewöhnlich gut ist - Billy Joel lässt grüßen - und dass Hegers Flötenspiel sich sehen lassen kann. In Oldenburg hat jedenfalls nicht nur ihre Ukulele gestimmt. 
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Heger und Maurischat: Eine geht noch - live
​Erschienen bei Kosmopolit records (Brokensilence). Erhältlich im Plattenladen Ihres Vertrauens

​Unbedingt hingehen. Live sind sie genauso gut wie die CD. Nur sichtbarer. 

Termine: 
8. August Meerdorf
26. August Bremerhaven
14. September Emsdetten
13. Oktober Bochum (bei Gerburg Jahnkes Ladies night)
9. November Herne
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Leichtes Erröten

3/8/2018

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Shakespeare goes Stadl: Premiere von "Wie es euch gefällt" im Theater am Aegi
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Oh, William Shakespeare. Oh oh, schwere Kost. Für Schlaubatze und Intellektuelle. Oh oh oh. Dass das nicht immer anstrengend sein muss, beweisen Autor Heinz-Rudolf Kunze und Komponist Heiner Lürig zum inzwischen vierten Mal. Knapp 1000 Musical-, Aegi- und Shakespearefreunde bejubeln am Donnerstag bei schweißtreibenden Temperaturen die unterhaltsame Adaption von "Wie Es Euch Gefällt".
"Shakespeare ist eigentlich Kasperletheater für Erwachsene" sagt Heinz-Rudolf Kunze am Ende, nachdem sich Ensemble und Mitarbeiter im Kollektiv den Jubel der begeisterten Premierengäste abgeholt haben. Kunze ist nicht der Einzige, der erschöpft ist nach fast zweieinhalb Stunden Jamben, Trochäen und Shakespeareschem Verwirrspiel. Er steht, im Gegensatz zu seinem Brother-in-mind Lürig, nicht selbst auf der Bühne, aber er ist rundum zufrieden mit der Premiere. "Zwei, drei Kleinigkeiten noch, dann haben wir's" gibt er zu Protokoll.
Das erste Stück würde sich gut auf einem Kinderliedalbum von Volker Rosin machen. Drei Akkorde in Dur, belangloser Text - da haben Kunze und Lürig schon weitaus besser abgeliefert. Als musikalisches Team können die beiden seit Jahren überzeugen. Sie haben sich nun mal Sir William auf die Fahne geschrieben - und müssen sich wohl ewig an dem gewaltigen Publikumserfolg von "Ein Sommernachtstraum" messen lassen. Kunzes Texte reimen sich verlässlich - er war ja mal Deutschlehrer, und gelernt ist gelernt. Einmal reimt er zwar "Kröten" auf "Beten", aber das warme Mäntelchen des Wohlwollens schmiegt sich auch heute Abend über so manche Unzulänglichkeit.

Heiner Lürigs Musik birgt keine Überraschungen - ein Musical ist ein Musical ist ein Musical. Wer heute hier ist, erwartet keine musikalische Weiterentwicklung des Rades. Man flennt gerne mal bei Lloyd/Webbers "Evita", man klopft sich bei "Starlight Express" rhythmisch im Takt von Rusty auf die Schenkel, man singt bei "Mamma Mia" hingerissen bei "Dancing Queen" mit, und heute kichert man über Shakespeares Obszönitäten unter der Regie von Renate Rochell.
Die Handlung ist, wie so oft bei Sir William, nicht so einfach erklärt. Herzog Frederick (Christian Venske/Dieter Wahlbuhl) hat einen Sohn, Orlando (Oliver Morschel). Der verliebt sich in Rosalinde (Merle Hoch). Die hat eine Cousine, Celia (Julia Steingaß), zu der sie etwas mehr als nur familiäre Zuneigung hegt. Während Orlando mit den zärtlichen Cousinen fröhlich duettiert und zur Unzucht aufruft, werden rote Herzen auf die große Leinwand hinten projiziert (Bühnenbild: Manfred Kaderk) Oft gesehen, nicht nur im Aegi: Die ebenfalls projizierten Kronleuchter. Sehr gelungen: Die bunten Bäume im Wald, in den sich Rosalinde flüchtet, als sie nicht mehr Rosalinde heißt, sondern Ganymed. Klar soweit? 

"Geh mir aus den Augen, Rosalinde" könnte auch die Singleauskopplung auf dem nächsten Kunze-Album sein. Tolle, stampfende Rhythmik, Chöre zum Niederknien, hervorragend gesungen und souverän musiziert von Andreas Unsicker, Marius Lürig und Papa Heiner, Peter Pichl, Ralph König und Konrad Haas - die hannoverschen Rockgrößen schlagen sich hervorragend auf teilweise fremdem Terrain.
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Die Assoziationen reichen von Conchita Wurst (Kostüme: Meike Ragnitz und Sabine Mech) über die Sesamstraße bis hin zu Dschingis Khan mit "Moskau": Es ist alles sehr bunt und großenteils zauberhaft. Charmant: Shakespeare selbst (Michael Westphal) fungiert als so eine Art Deus ex machina - allerdings ohne Funktion. Er zieht vom Rand der Bühne aus seine Fäden - und womöglich kann der ewige Rühmann-Darsteller Westphal in diesem Leben sowieso keine Bühne mehr betreten, ohne ein, zwei Sätze der näselnden Schauspiellegende abzuliefern. Überflüssig, aber nett. 
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Zwischendurch immer wieder kleine, feine, manchmal abstruse Blitze der Erkenntnis. Er habe "Bleigewichte an der Zunge", sagt Orlando. Großartige Textstellen wie diese muss man sich erst mal auf selbiger zergehen lassen. Und Orlando, müde vom Suchen nach und Werben um seine Braut, schläft ermattet auf dem Waldboden ein, während Rosalinde und Celia direkt vor ihrem Objekt der Begierde stehen und nach ihm suchen. "Da liegt er doch" möchte man ihnen zurufen, oder "Vorsicht, da hinten kommt das Krokodil" - irgendwas, damit sie sich nicht so deprimierend dämlich verhalten. Vorne auf der Bühne werden Reime geschüttelt, dass es ein Graus ist. Aber: Es funktioniert. Der anfangs noch höfliche Applaus wird stärker, das Publikum lässt sich ein auf Verwirrspiel und Intrige, hat Spaß.
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Nach der Pause nimmt das Stück deutlich an Fahrt auf. Orlando macht Rosalinde irgendwie so eine Art Antrag, sie will ihn aber nicht, und er memmt rum. "Ich sterbe" nölt er im Wald, und Rosalinde stimmt unter Flötengeheul (Klasse wie immer: Konrad Haas) ein Liedlein an, das auch auf ein Album von Schlagerärgernis Michelle passen würde. "Nein, an Liebe stirbt man nicht" - muss es nicht "Aus Liebe" heißen? Fragen über Fragen.

Dann wird Orlando fast noch von einem Löwen dahin gerafft - wer kennt sie nicht, die berühmten Löwen in den englischen Wäldern des Mittelalters - und zum Schluss kriegen sie sich alle, der Orlando seine Rosalinde, die Celia ihren Oliver, und der Schäfer kriegt die Mechthild. Die Musiker haben durch die Bank überzeugt, die Hauptprotagonisten haben fehlerfrei (also wirklich fehlerfrei!) und wunderbar gesungen, und man weiß jetzt, warum Merle Hoch so viele Vorschusslorbeeren bekam: Weil. Sie. Sie. Verdient.

Jubel, Toben, Aufstehen zum Schluss, und doch stellt sich bei dem ein oder anderen eine gewisse Wehmut wegen vergangener Sommernachtsträume ein.

​Fazit: Gelungene Sommerpremiere im Aegi, auch für Michael Lohmann, den Veranstalter. Es ist ein Versuch im eigenen Haus: "Wir finden alle, es hat funktioniert", sagt der Chef von Hannover Concerts. Das findet das Publikum auch. Es hat offenbar, und man entschuldige die flache Formulierung, allen gefallen. Und das ist schließlich die Hauptsache. 
"Wie es euch gefällt" läuft noch bis zum 25. August im Theater am Aegi. Karten gibt es ab 47,95 Euro an der Abendkasse oder unter www.hannover-concerts.de
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    Zum Beispiel. Zum Nachlesen.
    ​
    Billy Joel

    Ed Motta
    Mario Biondi
    Silje Nergaard
    Annie Heger
    The Idea of North​
    Schiller
    Max Mutzke
    Fury in the slaughterhouse
    Randy Crawford
    Zöller
    Stanley Clarke
    Purple Schulz


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